1. Täglich 1000 weniger Schritte als vor zehn Jahren
Iwata:
Zuallererst möchte ich mich bei Ihnen bedanken, dass Sie den ganzen Weg bis nach Kyoto gereist sind, um heute hier zu sein.
Miyachi:
Es ist mir ein Vergnügen.
Iwata:
Unsere Leser sollten wissen, dass Dr. Miyachi vom Nationalen Gesundheits- und Ernährungsinstitut1 so nett war, bei der Entwicklung von "Wii Fit Plus" als Berater tätig zu sein.
| 1 | Das Nationale Gesundheits- und Ernährungsinstitut wurde 1920 vom Japanischen Innenministerium gegründet. Es ist eine offizielle Behörde, deren Aufgabe darin besteht, den Standard der öffentlichen Gesundheit zu verbessern, indem sie Forschung betreibt und Umfragen durchführt. Die Forschungen und Umfragen betreffen die Gesundheit der japanischen Bevölkerung, ihre Ernährungsweise und ihre allgemeinen Essensgewohnheiten. |
Miyachi:
Ich war an der zweiten Hälfte der Softwareentwicklung beteiligt. Wir haben mit "Wii Fit Plus" die Übungsintensität2 eines jeden Trainings gemessen, damit die Nutzer wissen, wie viele Kalorien sie verbrannt haben. Außerdem haben wir eine Reihe von Vorschlägen unterbreitet, wie man verschiedene Trainingseinheiten miteinander kombinieren kann.
| 2 | Das Verhältnis der Herzfrequenz zur maximalen Herzfrequenz, das entweder während oder kurz nach einer Trainingseinheit berechnet wird. Das Ergebnis ist ein numerischer Wert, der als Richtigwert für die körperlichen Fähigkeiten einer Person herangenommen werden kann. |
Iwata:
Dazu würde ich Sie gerne etwas später in unserem Interview befragen, wenn Sie nichts dagegen haben. Zunächst möchte ich Sie fragen, welche Art von Forschung Sie bislang betrieben haben und wie Sie bei Ihrer derzeitigen Forschung gelandet sind?
Miyachi:
Sehr gerne. Nun, ich habe meinen Abschluss am Nationalen Fitness- und Sportinstitut in Kanoya3 gemacht, der einzigen staatlichen Universität unseres Landes, die sich auf Sporterziehung spezialisiert. Als ich mein Abitur gemacht habe, wollte ich Sportlehrer werden, und da habe ich mich um einen Studienplatz an dieser Universität beworben, die im selben Jahr gegründet wurde.
| 3 | Das Nationale Fitness- und Sportinstitut in Kanoya, Präfektur Kagoshima, Japan, ist eine staatliche Universität, die sich auf Sporterziehung spezialisiert. Sie wurde 1981 gegründet. |
Iwata:
Also waren Sie im allerersten Studienjahr.
Miyachi:
Richtig. Gerade deshalb waren die Professoren sehr leidenschaftlich und haben sich übertroffen, um uns eine herausragende Ausbildung zu ermöglichen.
Iwata:
Ich würde sagen, die Leidenschaft, die Ihre Professoren bei Ihrem Studium gezeigt haben, war einerseits ein glücklicher Umstand... andererseits bedeutete es, dass Sie sich von Ihrem ursprünglichen Traum, Sportlehrer zu werden, immer weiter entfernten! (lacht)
Miyachi:
Ja, genau! (lacht) Mir blieb nichts anderes übrig, als mich dem Studium zu widmen. Ich habe ursprünglich Rugby gespielt und als ich meine Forschungen mit Rugby kombiniert habe, stellte ich fest, wie interessant es doch war, Forschung auf dem Gebiet der Sportwissenschaft zu betreiben.

Iwata:
Nur mal so aus Interesse, als Sie Rugby gespielt haben, in welchem Ausmaß war Ihr Training – und das der Sportwelt im Allgemeinen – wissenschaftlicher Natur, und inwieweit konnte man da von psychologischem Training reden?
Miyachi:
Und damit meinen Sie...? (lacht)
Iwata:
Also, als ich zur Schule gegangen bin, gab es da eine Zeit, in der ich ein festes Mitglied des Volleyball-Teams war. Schulische Sportclubs waren zur damaligen Zeit auf Kampfwillen und Entschlossenheit fokussiert.
Miyachi:
Also hat man zum Beispiel den Spielern nicht erlaubt, während des Trainings Wasser zu trinken, meinen Sie so etwas?
Iwata:
Ja, genau so lief es bei uns! (lacht)
Miyachi:
Es stimmt, so waren die Dinge damals. Dann wurde jedoch die sogenannte Sportwissenschaft zu einem essenziellen Teil von Sportclubs - angefangen in den 80ern, also etwa zu der Zeit als die Universität gegründet wurde.
Iwata:
Ich verstehe.
Miyachi:
Ich glaube, das hatte eine positive Auswirkung auf mich. Nachdem ich mich bei der Universität eingeschrieben habe, hatte ich die Möglichkeit auf wissenschaftlicher Forschung basierendes Training zu beobachten. So war ich in der Lage nachzuvollziehen, wie die von mir absolvierten Übungen auf wissenschaftlichen Theorien basierten. Als ich dann immer mehr Erfahrung auf diesem Gebiet sammeln konnte, machte ich meinen Master und begann zu studieren, welche Änderungen ein menschlicher Körper durchmacht, wenn er physischem Training ausgesetzt wird. Nach meinem Master-Abschluss studierte ich an der Kawasaki Universität für Medizinwissenschaften4 in der Präfektur Okayama. Das war ursprünglich eine reine Medizinuniversität, aber es wurde damals gerade eine Fakultät für Gesundheits- und Sportwissenschaften gegründet. Und so fand ich mich als einer der ersten Studenten wieder...
| 4 | Die Kawasaki Universität für Medizinwissenschaften ist eine private Gesundheits- und Sozialuniversiät. Die Haupteinrichtungen befinden sich in der Stadt Kurashiki in der Präfektur Okayama, Japan. Sie wurde 1991 gegründet. |
Iwata:
Das scheint Ihre Spezialität zu sein! (lacht)
Miyachi:
Ja, das können Sie laut sagen! (lacht) Zu diesem Zeitpunkt habe ich aber auch schon mit meinen Vorlesungen angefangen...
Iwata:
Und wie viele Jahre haben Sie an dieser Universität verbracht?
Miyachi:
Ich war dort 14 Jahre lang tätig. In dieser Zeit arbeitet ich daran, eine Professurstelle zu erhalten. Ich habe aber auch meine eigenen Forschungen betrieben. Vor etwa sechs Jahren dann, habe ich am Nationalen Gesundheits- und Ernährungsinstitut in Tokio angefangen.
Iwata:
Können Sie uns vielleicht kurz erklären, um welche Art von Organisation es sich beim Nationalen Gesundheits- und Ernährungsinstitut handelt?
Miyachi:
Es ist eine Forschungseinrichtung unter der Schirmherrschaft des Gesundheits-, Arbeits-, und Sozialministeriums. Die darin betriebene Forschung hat das Ziel, die allgemeine Gesundheit der Bevölkerung zu verbessern. Wir finden heraus, welche Ernährung und welches Training für alle förderlich sind.
Iwata:
Und wie sieht das individuelle Ziel Ihrer Arbeit aus?
Miyachi:
Am Gesundheits- und Ernährungsinstitut arbeite ich als Projektleiter eines Teams, das Trainingsrichtlinien entwirft. Mein Ziel besteht also darin, "Richtlinien für körperliche Übungen zu entwerfen, die die Gesundheit der Bevölkerung verbessern". Es ist mir jedoch nicht erlaubt, einfach selbst zu entscheiden und mich alleine auf meine eigene unabhängige Forschung zu verlassen, um dieses Ziel zu erreichen. Vielmehr sammle ich Forschungsergebnisse aus der ganzen Welt, analysiere sie und bringe sie in ein Format, das für jeden von Nutzen ist...
Iwata:
Ihr Ziel besteht also darin, Berichte und Forschungsergebnisse aus der ganzen Welt zu sammeln, während Sie gleichzeitig Ihre eigenen Forschungen betreiben. Anschließend müssen Sie Richtlinien für körperliche Übungen entwerfen, die jedem in Japan empfohlen werden können.

Miyachi:
Genau. Da diese Richtlinien sich jedoch an den höchsten gemeinsamen Nenner halten, werden sie nie etwas sein, das wir absolut jedem empfehlen können.
Iwata:
Ihre Richtlinien tragen aber bestimmt im positiven Sinne zur Verbesserung des allgemeinen Gesundheitszustands der Bevölkerung bei.
Miyachi:
Ja, das stimmt.
Iwata:
Und trotzdem, auch wenn jedem Erwachsenen in Japan klar ist, dass er trainieren sollte, gibt es Momente, in denen sie es einfach nicht schaffen! (lacht)
Miyachi:
Stimmt, es gibt für jeden eine Zeit, in der man seinen Hintern einfach nicht hochbekommt! (lacht)
Iwata:
Mich würde interessieren: Wie viel Prozent der japanischen Bevölkerung treibt regelmäßig Sport?
Miyachi:
Es ist schwer genau zu definieren, was regelmäßiges Training ausmacht, eine Definition besagt jedoch, dass man eine Stunde pro Woche Sport treiben sollte. In anderen Worten, man sollte zweimal wöchentlich 30 Minuten lang sportlich aktiv sein. Personen, die durch solche Übungen leicht ins Schwitzen kommen, würden laut dieser Definition regelmäßig Sport treiben.
Iwata:
Dann zähle ich auch dazu! Jetzt bin ich aber erleichtert! (lacht)
Miyachi:
(lacht) Das bedeutet, etwa 35 bis 40 % der Bevölkerung treibt regelmäßig Sport. Oder, um es anders auszudrücken, 60 bis 65 % der Japaner trainieren nicht regelmäßig.
Iwata:
Verstehe.
Miyachi:
Es gibt aber auch eine andere Methode, Aktivität zu messen. Darin wird die Anzahl der Schritte gemessen, die man täglich macht. Um es einfach auszudrücken, als sportlich aktiv gilt man, wenn man mindestens 10 000 Schritte täglich zurückgelegt hat.
Iwata:
Man hört häufiger von diesen "10 000 Schritten täglich".
Miyachi:
Da haben Sie recht. Jeder, der täglich 10 000 Schritte zurücklegt, ist laut dieser Definition ein aktiver Mensch. Es könnte aber sein, dass nicht einmal 20 % der Bevölkerung dazu zählen.
Iwata:
Jeder, dessen Arbeit „Gehen“ beinhaltet, erreicht die 10 000 Schritte täglich ziemlich leicht. Aber für jeden Büroangestellten, der zur Arbeit pendelt, ist es viel schwieriger, so viel zu laufen, ohne sich extra dafür zu motivieren.
Miyachi:
Stimmt genau. Wir haben tatsächlich den aktuellen Tagesdurchschnitt an Schritten eines Japaners erforscht. Es stellt sich heraus, dass Männer im Durchschnitt circa 7000 Schritte am Tag machen, während Frauen knapp über 6000 zurücklegen. Sie sehen, es ist nicht einmal nahe an der Grenze von 10 000 Schritten am Tag. Das bedeutet, dass die japanische Bevölkerung eine zunehmend sitzende Lebensweise aufweist.

Iwata:
Würden Sie sagen, dass die Gesellschaft als Ganzes sich in diese Richtung verlagert, weil das Leben im Vergleich zu früher zu komfortabel wurde?
Miyachi:
Ja, und ich glaube auch, dass der Wendepunkt vor zehn Jahren eingetreten ist. Damals legten Männer circa 8000, Frauen ungefähr 7000 Schritte am Tag zurück. Das sind ganze 1000 Schritte am Tag mehr als heute.
Iwata:
Wirklich?
Miyachi:
Diese Zahl begann vor zehn Jahren stark zu fallen. Seitdem ist die durchschnittliche Schrittzahl Jahr um Jahr gefallen. Gleichzeitig steigt aber die Zahl der Personen, die sich in Ihrer Freizeit mit Tennis, im Fitnesscenter oder anderweitig körperlich betätigen – dazu gehört im Übrigen auch "Wii Fit" – langsam an. Das Trainingspensum, das durch tägliches Gehen im Alltag entsteht, sinkt dagegen unaufhörlich.
Iwata:
Meinen Sie, es liegt daran, weil unser Alltag immer komfortabler wird und sich unsere Lebensweise verändert hat?
Miyachi:
Ein Grund ist die fortwährende Entwicklung, die wir in der Informationstechnologie erleben.
Iwata:
Sie meinen damit Personen, die den ganzen Tag vor einem Computerbildschirm sitzen...
Miyachi:
Man kann heute bequem über das Internet einkaufen, ohne selbst in ein Geschäft gehen zu müssen. Viele Buslinien und Zugverbindungen, die sich nicht rentieren, wurden aufgegeben. Das hat zur Folge, dass je weiter Sie außerhalb einer Stadt leben, die Wahrscheinlichkeit umso höher ist, dass Sie sich ein Auto zulegen werden. Eine motorisierte Gesellschaft im amerikanischen Stil wird bei uns immer ausgeprägter. Der größte einzelne Faktor ist jedoch, dass die Anzahl von Personen, die nicht mehr am Samstag arbeiten, deutlich zugenommen hat.
Iwata:
Das ist der größte einzelne Grund? Weil die Leute nicht mehr so häufig am Samstag arbeiten? Ich muss zugeben, das überrascht mich jetzt.
Miyachi:
Aus der Sicht der Arbeiter und Angestellten ist das natürlich positiv. Als wir aber noch jung waren, arbeiteten wir am Samstag meistens bis 13 Uhr. Wir nannten das damals einen halben Feiertag. Das ist ein Ding der Vergangenheit.
Iwata:
Am Samstag haben die Kinder im Allgemeinen auch schulfrei.
Miyachi:
Richtig. Eine Kombination aus den genannten drei Faktoren hatte in den letzten zehn Jahren einen zunehmend deutlichen Einfluss, so dass es zu unserer aktuellen Situation gekommen ist.
Iwata:
Ich verstehe. Wenn wir diese Tendenzen nicht aufhalten, riskieren wir verschiedene Krankheiten, die auf diese Lebensweise zurückzuführen sind...
Miyachi:
Insbesondere Übergewicht.
Iwata:
Würden Sie also sagen, dass wir in dieser Hinsicht von einer Gesundheits-Krise in unserer Bevölkerung reden können?
Miyachi:
Ich bin absolut davon überzeugt, dass wir in der Tat mitten in einer Krise stecken. Deshalb kann mein Ziel nicht einfach nur sein, Richtlinien für körperliche Übungen zu entwerfen. Ich will bis an mein Lebensende daran arbeiten, die japanische Bevölkerung dazu zu bringen, sich mehr körperlich zu betätigen.
Iwata:
Das ist also Ihre Lebensaufgabe.
Miyachi:
Ja, so ist es. Das ist zumindest ein Hauptziel, das ich erreichen möchte, bis ich in Rente gehe.
2. Software zieht die Aufmerksamkeit von Forschern an
Iwata:
Erzählen Sie uns doch über die Art der Forschungen, die Sie seit dem Beginn Ihrer Arbeit beim Nationalen Gesundheits- und Ernährungsinstitut betrieben haben. Wo kam "Wii Fit" ins Spiel?
Miyachi:
Ich habe untersucht, welche Auswirkungen Training und körperliche Aktivität auf verschiedene Risikofaktoren für kardiologische Erkrankungen haben, insbesondere Herzerkrankungen und Schlaganfälle.
Iwata:
Ah, ich verstehe.
Miyachi:
Ich habe mich besonders auf die Härtung der Arterien konzentriert. Meine Forschung sollte belegen, ob Training und körperliche Aktivität einen positiven Einfluss darauf haben.
Iwata:
Zu welchen Ergebnissen kamen Sie bei Ihren Forschungen?
Miyachi:
Es wird allgemein angenommen, dass Sport Krankheiten für Herzerkrankungen verhindern kann, während Sport gleichzeitig die Arterien weicher macht. Leider musste ich nach mehreren Testreihen feststellen, dass man nicht so einfach annehmen kann, jedweder Sport wäre vorteilhaft.
Iwata:
Also hängt es von der Art der Übung ab?
Miyachi:
Genauso ist es. Nehmen wir Spieler von American Football als Beispiel. Sie trainieren oft an Gewichtmaschinen, um ihren Oberkörper zu stärken. Wenn sie diese Art von Training betreiben, konzentrieren Sie Ihre ganze Kraft auf...
Iwata:
Sie halten ihre Luft an, was bedeutet, sie verbrauchen keinen Sauerstoff.
Miyachi:
Ja, sie atmen nicht richtig durch. Wenn man sich dieser Art von anaeroben Muskeltraining widmet, härtet das die Arterien sogar.
Iwata:
Dieses Training härtet also die Arterien und ist nicht gut?
Miyachi:
Genau.
Iwata:
Um also seine Gesundheit zu stärken, ist Muskeltraining nicht unbedingt nötig...
Miyachi:
Nun ja, nicht all seine Auswirkungen sind vorteilhaft. Natürlich kann man nicht behaupten, dieses Training wäre nur schädlich – es gibt jede Menge Vorteile, die man dadurch gewinnt.
Iwata:
Man bekommt oft zu hören, wenn man nicht so viel Muskelmasse hat, liegt der Grundumsatz niedriger, wodurch Gewichtszunahme viel wahrscheinlicher ist. Das bedeutet, auch wenn Muskeltraining seine Bedeutung hat, sind Übungen, bei denen man seine Luft anhält, keine gute Sache.
Miyachi:
Genau. Man sollte sich nicht auf diese Art von Übungen beschränken. Zahlreiche Personen haben erfreulicherweise Interesse an meinen Forschungen auf diesem Gebiet gezeigt. Anhand der Entwürfe der Übungs-Richtlinien, haben sie in einem gewissen Ausmaß den irrtümlichen Glauben abgelegt, dass alle sportlichen Aktivitäten gut für sie seien. Ich glaube, es ist enorm wichtig, objektive Beweise zu finden, um herauszufinden, welche Art von Übungen gut und welche schlecht sind. Das sickert in das allgemeine Bewusstsein der Bevölkerung langsam durch...
Iwata:
Sie haben gerade ganz nebenbei das Wort "Beweise" verwendet. (lacht)

Miyachi:
(lacht)
Iwata:
Dieses Wort bekommen wir in unserem Alltag nicht allzu oft zu hören. In der Welt der Medizin bezieht sich dieses Wort, glaube ich, auf die Durchführung von praktischen Tests und die Ermittlung von Statistiken für physische Gründe und Auswirkungen, um Ihre Schlussfolgerungen zu untermauern.
Miyachi:
Da haben Sie Recht.
Iwata:
Dann habe ich es also richtig verstanden?
Miyachi:
Sie haben es treffend ausgedrückt!
Iwata:
Dafür gibt es sogar einen Ausdruck, EBM, der steht für nachweisorientierte Medizin (engl. evidence-based medicine, Anm. d. Red).
Miyachi:
Richtig! Der Ausdruck bezieht sich auf medizinische Entscheidungen, die auf Ergebnissen aus akademischer Forschung beruhen. Soweit die Theorie. Dabei darf man jedoch nicht vergessen, dass Akademiker oftmals auf das Ergebnis ihrer Forschungen blicken und sagen: "Das ist die richtige Antwort!" Meine Verantwortung liegt aber noch weiter. Ich muss meine eigenen Forschungen mit einem skeptischen Auge betrachten. "Stimmt es wirklich, was Miyachi da von sich gibt?", muss ich mich fragen. Das bedeutet, ich muss ständig einen Überblick darüber behalten, was jeder andere Forscher herausfindet und welche Daten er dabei ermittelt. Erst, wenn ich all diese Informationen zusammentrage, beginne ich langsam zu erkennen, was die nächste richtige Vorgehensweise ist.
Iwata:
Ich verstehe. Doch lassen Sie uns das Thema ein klein wenig wechseln. Ich glaube, es gibt jede Menge Leute, die früher regelmäßig Sport betrieben haben. Wenn sie erwachsen werden, sind sie aber zu beschäftigt und haben einfach keine Zeit mehr dafür. Sobald sie aber wieder eine Möglichkeit finden, aktiv zu sein, erleben Sie das Gefühl wieder, wie es ist, mal wieder ins Schwitzen zu kommen.
Miyachi:
Ja, da liegen Sie richtig.
Iwata:
Wenn man diesen Umstand betrachtet, würde ich sagen, wenn wir es schaffen würden, diese Personen zu motivieren, auch nur einmal wieder etwas zu machen, dann wäre das sehr wichtig. Aus der Sicht Ihrer Forschungen, was würden Sie dazu sagen?
Miyachi:
Aus der Sicht der Personen, die auf diesem Gebiet Forschung betreiben, ist das ein Umstand, der für uns am schwersten zu verstehen ist.
Iwata:
Warum ist das so?
Miyachi:
Wir können uns einfach nicht vorstellen, warum manche Personen diesen ersten Schritt machen und mit einem Training beginnen, oder, um es anders herum auszudrücken, warum manche Personen partout nicht trainieren wollen. Deshalb sind wir am Ende dazu verdonnert, beispielsweise nur Personen Vorschläge zu machen, die ohnehin bereit sind, sich sportlich zu betätigen...
Iwata:
Und das bedeutet wiederum, dass Personen, die bereits gesund gelebt haben, noch gesünder werden...
Miyachi:
Und Personen, die es nicht sind, führen weiter eine ungesunde Lebensweise.
Iwata:
Es ist sehr schwer, diese Möglichkeiten zu schaffen...
Miyachi:
Außerdem können wir den physischen Mechanismus nicht wirklich nachvollziehen, der dafür zuständig ist, warum Personen, die in ihrer Jungend viel Sport getrieben haben, nicht mehr trainieren wollen, wenn sie erwachsen werden.
Iwata:
Das würde bedeuten, man müsste sich die emotionale Veranlagung der Personen und ihre Willenskraft genau ansehen, das könnte...
Miyachi:
...das bedürfte Methoden, die das Gehirn und die Psyche analysieren. Wenn Sie sich Substanzen wie Nikotin in Zigaretten ansehen, ist es relativ einfach, es löst einen Wunsch aus zu rauchen. Welche Faktoren den Wunsch auslösen können, sich körperlich zu betätigen, können wir dagegen nicht ermitteln. Obwohl wir diesen Mechanismus nicht kennen, versuchen wir trotzdem Wege zu finden, Leute zum Sport zu ermutigen.
Iwata:
Das ist etwas, das ich schon immer sehr seltsam fand. Wenn man in einer Situation steckt, in der Sport eine Weile lang nicht möglich ist, und später schafft man es doch einmal, fühlt es sich großartig an. Sehr häufig entscheidet man dann, dass man es wieder machen möchte.
Miyachi:
Vielleicht ist just in diesem Zeitpunkt eine Art Substanz im menschlichen Körper...
Iwata:
Ich frage mich, was das sein könnte! (lacht)
Miyachi:
Es könnte eine Art Substanz sein, die produziert wird. Oder das Gehirn erinnert sich an das angenehme Gefühl und lässt den Menschen erkennen, dass ein Fortsetzen dieser Aktivität sehr erfreulich wäre. Ich glaube aber, hier ist eine Art Substanz im Spiel, die das zumindest mitbeeinflusst.

Iwata:
Es kommt mir schon etwas seltsam vor, dass man überhaupt gewollt ins Schwitzen kommen und sich verausgaben möchte.
Miyachi:
Da ist in der Tat etwas Mysteriöses dran. Warum aber denken wir das? Wir wären zu dieser Denkweise nicht in der Lage, es sei denn, etwas ruft eine Reaktion im Körper hervor. Ich weiß nicht, was es sein könnte, aber ich habe diesem Zustand, dieser Substanz, einen Namen gegeben: "Rakutin".
Iwata:
"Rakutin"? Das stammt doch aus dem Wort "rakuchin" (dieser japanische Begriff bedeutet in etwa "angenehm" oder "es ruhig angehen")? (lacht)
Miyachi:
Genau! (lacht) Appetit hat die Forschung bestätigt, und ich drücke das vereinfacht aus: Wenn man nach einem guten Mahl satt ist, stößt der Körper ein Hormon namens Leptin aus. Der Teil des Gehirns, der für die Sattheit zuständig ist und den Magen steuert, wird dann so stimuliert, dass der Mensch keinen Hunger mehr verspürt. Daraus leite ich auch den Begriff "Rakutin" ab. Wenn ein Mensch es also ruhig angehen möchte, wird eine bestimmte Substanz in seinem Körper freigegeben, die ihm die Lust an Sport vertreibt. Wenn wir also dieses "Rakutin" irgendwie zügeln könnten, würden die Leute einen großen Wunsch verspüren, Sport zu treiben!
Iwata:
(lacht)
Miyachi:
Was also ist dieses "rakutin"...? Es könnte umgekehrt ein Molekül sein, dass den Wunsch nach Aktivität auslöst, oder es könnte ein Typ Molekül sein, der den Wunsch unterbindet. Ich bin mir nicht sicher, was es ist, aber ich bin überzeugt, es ist sehr wichtig, dass wir Forscher es herausfinden. Ich glaube sogar, meine Arbeit bietet die Möglichkeit, dieses Vorhaben voranzutreiben.
Iwata:
Wie meinen Sie das?
Miyachi:
Software wie "Wii Fit" hat ein riesiges Potenzial, Menschen zu motivieren, aktiv zu sein. Wenn wir untersuchen könnten, welche Änderungen in den Gehirnen und Körpern der Spieler stattfinden, könnten wir ein Molekül wie "Rakutin" aufdecken. In anderen Worten: Weil sie das Verhalten der Menschen verändern, ist "Wii Fit" und die Wii-Konsole selbst von großem Interesse für Forscher wie mich.
3. Wii Balance Board - Die Kraft der Worte
Iwata:
Wann sind Sie zum ersten Mal auf "Wii Fit" aufmerksam geworden?
Miyachi:
Ich will ehrlich sein: Meine erste Reaktion ging nicht über das übliche "Oh, die haben jetzt also so etwas herausgebracht." hinaus.
Iwata:
Die Software debütierte im Dezember 2007.
Miyachi:
Also vor etwa zwei Jahren. Das erste Mal als ich richtig auf "Wii Fit" aufmerksam wurde, war im Oktober oder November 2008. Zu diesem Zeitpunkt wollte die Zeitung "Nikkei" eine Untersuchung zum Thema Gewichtszunahme über die Neujahrsferien vornehmen. Das war mein erster Kontakt mit "Wii Fit".
Iwata:
Das war also vor etwa einem Jahr.
Miyachi:
Erst vor 10 Monaten habe ich mich entschieden, "Wii Fit" in meine eigenen Forschungen einzubeziehen, aber seit ich es das erste Mal ausprobiert habe, glaube ich, dass ich mich sehr eng damit auseinandersetze.
Iwata:
Was war Ihr Eindruck als Sie die Software zum ersten Mal verwendet haben?
Miyachi:
Ich sah, dass sie sehr gut zusammengestellt war.
Iwata:
Auf welche Elemente der Software traf das insbesondere zu?
Miyachi:
Ich habe nicht nur Forschung betrieben, sondern auch mit Leuten gearbeitet, die ein hohes Risiko für verschiedene Krankheiten aufgewiesen haben, die auf ihre Lebensweise zurückzuführen waren, zum Beispiel Übergewicht. Ich hatte zahlreiche Möglichkeiten, ihnen Übungen vorzustellen, die ihnen helfen würden. In diesem Zusammenhang habe ich festgestellt, wie viele Personen es tatsächlich gibt, denen es, wie Sie es vorhin schon erwähnt haben, durchaus bewusst war, dass sie sich mehr bewegen sollten, die sich aber nicht dazu motivieren konnten. Ich hatte also ständig mit diesen Leuten zu tun und fragte mich unweigerlich, was ich ihnen den genau sagen sollte. Und vor allem, wie ich es ausdrücken sollte, damit meine Worte bei den Leuten ankommen würden.
Iwata:
Ich verstehe.
Miyachi:
Als ich aber die Konsole eingeschaltet und "Wii Fit" gestartet habe, sagte das Wii Balance Board viele Dinge wie etwa "Oh, hallo. Lange nicht gesehen!" oder "Du gibst wirklich dein Ganzes!" oder "Du willst um diese Zeit beginnen?"
Iwata:
Ja, und Dinge wie: "Du solltest dich jeden Tag zur selben Zeit wiegen, weißt du! "
Miyachi:
Nun ja, es sagt viele solche Dinge. Was das Wii Balance Board da von sich gibt, ist gar nicht so weit davon entfernt, was ich ständig predige. (lacht)

Iwata:
(lacht)
Miyachi:
Ich dachte mir nur: "Diese Software ist sehr gut zusammengestellt!" (lacht) Ich denke mal, da das Wii Balance Board genau weiß, wann, wie oft und wie lange man „Wii Fit“ genutzt hat, kann es immer das Treffende zum richtigen Zeitpunkt sagen.
Iwata:
Stimmt.
Miyachi:
Wir teilen grundsätzlich dieselbe Faustregel, wenn es um Anweisungen für Personen geht. Es ist sehr wichtig, jede Person individuell einzuschätzen, ihre Kraft zu messen, in Betracht zu ziehen, welche Aktivitäten sie gemacht hatte und in welcher Situation sie sich befindet. Erst dann ist eine bestimmte Empfehlung möglich. In anderen Worten: Die Einschätzung und die Empfehlung sollten Hand in Hand gehen.
Iwata:
Sie passen Ihre Empfehlungen also an die jeweilige Person an.
Miyachi:
Mit "Wii Fit" kann man sich täglich wiegen, seine physische Kraft messen und sogar sein "körperliches Alter" berechnen. Nebenbei wird die Zeit berechnet, die ein Nutzer auf dem Balance Board verbringt. Basierend auf den Ergebnissen dieser Einschätzung, kann das Wii Balance Board mit dem Nutzer sprechen und ihm Feedback geben. Mein erster Eindruck von "Wii Fit" war aus diesen Gründen, dass es ein Werkzeug sei, dass die aktuellsten persönlichen Details misst und gleichzeitig den Nutzer individuell anspornt.
Iwata:
Ich verstehe.
Miyachi:
Als ich gesehen habe, dass man solche Dinge ohne menschliche Teilnahme zustande bekommt, war ich ganz schön schockiert. Ich dachte mir: "Vielleicht werde ich bald gar nicht mehr gebraucht!" (lacht)
Iwata:
Dazu wird es wohl kaum kommen, denke ich... (lacht)
Miyachi:
Den Eindruck, den die Software auf mich gemacht hat, war so groß, dass ich wirklich dachte: "Vielleicht wird in naher Zukunft kein Bedarf mehr für Helfer wie mich bestehen..."
Iwata:
Bedarf für Experten wird es immer geben, wenn man aber "Wii Fit" bei sich zu Hause hat, kann man es jederzeit nutzen. Das ist meiner Meinung nach das Wichtigste.
Miyachi:
Ja, das stimmt.
Iwata:
Es kann durchaus sein, dass es spezialisiertere Einrichtungen gibt, wenn man in ein Fitnesscenter geht. Und wenn man dort genauso viel Zeit verbringt wie mit "Wii Fit", könnte dieses Training sogar noch effektiver sein. Wenn man aber betrachtet, dass man zu einem Fitnesscenter erst hinfahren, sich umziehen, trainieren, duschen und sich wieder umziehen muss, das ist eine Menge Zeit, verglichen mit der Zeit, in der man eigentlich trainiert.
Miyachi:
Selbst die Fahrt zum Fitnesscenter kann sehr anstrengend sein.
Iwata:
Deshalb gibt es auch die Leute, die regelmäßig ins Fitnesscenter gehen, und die, die irgendwann aufgeben. Doch selbst bei den Leuten, die das Fitnesscenter aufgeben, wenn Sie ein Wii Balance Board in ihrem Wohnzimmer aufgebaut haben, müssen sie nur jeden Tag ein wenig Zeit darauf verbringen, da ist es viel wahrscheinlicher, dass sie das weiter machen. So betrachtet ist "Wii Fit" in einer sehr interessanten Position.

Miyachi:
Ich glaube, das haben Sie gut erfasst. Stellen Sie sich beispielsweise einen Familienvater vor, dessen Bauch ein bisschen hervorsteht und dem sein Hemd nicht mehr so gut steht, wie es früher einmal tat. Wie Sie sich bestimmt vorstellen können, ist er deshalb nicht gerade erpicht darauf, in ein Fitnesscenter zu gehen oder vor anderen Aerobic oder Yoga zu praktizieren. Mit "Wii Fit" dagegen kann er morgens einige Hula-Hoop-Übungen in seinem Pyjama machen. Wer könnte schon etwas dagegen haben?
Iwata:
Genau! (lacht)
Miyachi:
Noch wichtiger ist, man kann dies machen, wann es einem die Zeit erlaubt. Die Tatsache, dass man die Software am Abend oder an einem freien Tag verwenden kann... nun, in meinen Kreisen sprechen wir von Hindernissen, die Leute vom Training abhalten...
Iwata:
Also sorgt "Wii Fit" dafür, dass...
Miyachi:
Es reduziert diese Hindernisse beträchtlich.
Iwata:
Bislang musste man vor einem Training die Energie aufbringen, diese Hindernisse zu überwinden. Man musste sich motivieren: "Alles klar! Los geht's!" Was Sie aber meinen, ist: Mit "Wii Fit" sind diese Hindernisse viel kleiner und leichter zu überwinden.
Miyachi:
In meinen Kreisen sprechen wir von einem "kleinen Schritt". Das ist insbesondere bei Menschen, die nicht so gerne trainieren, der Fall. Selbst, wenn wir ihnen sagen: "Laut unseren Forschungen, sollten Sie so und so viel trainieren!", antworten diese mit ziemlicher Sicherheit: "Ich schaffe es einfach nicht!" Gerade deshalb ist es so wichtig, sie dazu zu bringen, den ersten Schritt zu machen. Dabei ist es egal, wie einfach die Übung ist. So betrachtet erfüllt "Wii Fit" seine Rolle, dem Nutzer einen "kleinen Schritt" in die richtige Richtung zu bringen.
Iwata:
Ich verstehe.
Miyachi:
Hier ist noch ein Fakt, den ich wirklich interessant finde: Bei meinen Forschungen brachte ich die Anzahl der Japaner in Erfahrung, die Mitglied in einem Fitnesscenter sind. Die Gesamtzahl beträgt 2,8 Millionen. Nehmen wir noch die 800 000 Leute hinzu, die in Sportclubs z. B. Tennis spielen oder schwimmen, kommen wir auf knapp über 3,5 Millionen Sportler. Ich glaube, wenn Sie diese Zahl hören, Mr. Iwata, verstehen Sie sofort, worauf ich hinaus will. (lacht)
Iwata:
Aber natürlich! (lacht)
Miyachi:
3,5 Millionen, das ist ungefähr dieselbe Zahl an "Wii Fit", die sich in Japan verkauft hat. Dass die Anzahl der Leute, die dafür zahlen, Einrichtungen wie Fitnesscenter zu nutzen, mit der Anzahl an Besitzern von "Wii Fit" nahezu identisch ist, zeigt uns deutlich, welch enormen Eindruck die Software gehabt hat und wie sie bei den Leuten angekommen ist...
Iwata:
Vergessen Sie nicht, "Wii Fit" wird oftmals in Haushalten verwendet, in denen mehr als eine Person lebt.
Miyachi:
Also gibt es mehr Personen, die "Wii Fit" nutzen, als Mitglieder in Fitnesscentern und Sportvereinen! Ich bin überzeugt, der Grund, warum die Software sich solch großer Akzeptanz erfreut, ist, weil sie die Hindernisse der Selbstüberwindung so gering macht.
4. Wie man eine Übungsanleitung für ein gesundes Leben zusammenstellt
Iwata:
Dr. Miyachi, Sie waren so nett, und standen uns bei "Wii Fit Plus" als Berater zur Seite. Können Sie uns sagen, welche Aufgaben genau in dieser Rolle auf Sie zukamen?
Miyachi:
Ich war an der Entwicklung einer Reihe von Elementen der Software beteiligt. So habe ich zum Beispiel die Zusammenstellung der Übungsvorschläge kontrolliert, die an Personen mit bestimmten Anforderungen gerichtet waren. Also beispielsweise an Nutzer, die Gewicht verlieren oder besser schlafen wollen.
Iwata:
Sie beziehen sich hier auf die
Wii Fit Plus-Programme, die auf Anforderungen des Einzelnen zugeschnitten sind, die beispielsweise an Verspannungen im Schulterbereich oder an Rückenschmerzen leiden.
Wii Fit Plus-Programme, die auf Anforderungen des Einzelnen zugeschnitten sind, die beispielsweise an Verspannungen im Schulterbereich oder an Rückenschmerzen leiden. Miyachi:
Ja, so ist es. Die Software bietet den gleichen Service an, den ein Trainer in einem Fitnesscenter gibt. Im Falle von "Wii Fit Plus" kann man diesen Service jedoch zu Hause abrufen, das macht den großen Unterschied aus.
Iwata:
Ja, das stimmt.
Miyachi:
Das ist aber noch nicht alles. Der wertvollste Aspekt der Software ist, dass man sich auf das Wii Balance Board stellen und trainieren kann, und sie berechnet
die Anzahl der verbrannten Kalorien. Die Zahl wird sogar auf einem täglichen Diagramm dargestellt, so hat man eine Übersicht über die ermittelten Daten. Der menschliche Körper ist unglaublich ehrlich, müssen Sie wissen – das bedeutet, wenn Sie zusätzliche Kalorien verbrennen, wird Fett in Ihrem Körper verbrannt und Ihr Gewicht sinkt ganz sicher. Um Ihnen ein konkretes Beispiel zu nennen: Die körperliche Reaktion ist klar und deutlich, wenn Sie 7000 Kalorien verbrennen, verlieren Sie ungefähr ein Kilo an Gewicht.
die Anzahl der verbrannten Kalorien. Die Zahl wird sogar auf einem täglichen Diagramm dargestellt, so hat man eine Übersicht über die ermittelten Daten. Der menschliche Körper ist unglaublich ehrlich, müssen Sie wissen – das bedeutet, wenn Sie zusätzliche Kalorien verbrennen, wird Fett in Ihrem Körper verbrannt und Ihr Gewicht sinkt ganz sicher. Um Ihnen ein konkretes Beispiel zu nennen: Die körperliche Reaktion ist klar und deutlich, wenn Sie 7000 Kalorien verbrennen, verlieren Sie ungefähr ein Kilo an Gewicht. Iwata:
Und diese Formel trifft immer zu.
Miyachi:
Ja, diese Formel macht keine Ausnahme. Egal, wie Sie es drehen und wenden, an dieser Formel kommen Sie nicht vorbei.
Iwata:
Personen, die zu Übergewicht neigen, sagen oftmals Dinge wie: "Ich muss nur Wasser trinken und schon nehme ich zu!" (lacht) Aber das stimmt überhaupt nicht, oder?
Miyachi:
Das stimmt ganz und gar nicht.
Iwata:
Wenn man zusätzliche Kalorien in seinen Körper aufnimmt und sie nicht verbrennt...
Miyachi:
Nimmt man unweigerlich zu.
Iwata:
Und umgekehrt, um Gewicht zu verlieren, kommt man nicht daran vorbei, die Anzahl der konsumierten Kalorien zu reduzieren und/oder die Anzahl der verbrannten Kalorien zu erhöhen.
Miyachi:
Genau. Das ist es auch, was das Diagramm so toll macht. Daran kann man erkennen, wie man anhand der verbrannten Kalorien Gewicht verliert – das ist eine unglaubliche Ermutigung für den Nutzer. Die Tatsache, dass der Nutzer immer den Grund sehen kann, warum er Gewicht zugelegt hat, oder warum er abgenommen hat, ist ein wirklich neuer Ansatz.

Iwata:
Damit wir die Anzahl der Kalorien berechnen konnten, die mit den verschiedenen Übungen verbrannt werden, waren Sie so nett und haben die Messungen der Übungsintensität durchgeführt.
Miyachi:
So ist es. Am Nationalen Gesundheits- und Ernährungsinstitut haben wir einen besonderen Raum dafür. Das ist die Metabolismuskammer5, in der wir die Intensität einer Übung messen können. Darin haben wir jede Übung der Software gemessen.
| 5 | Ein luftdichter Raum, der einem Hotelzimmer ähnelt. Die Metabolismuskammer ist ein bahnbrechender Apparat, mit dem langfristige Messungen der Energie vorgenommen werden können, die Personen in einer Umgebung verbrennen, die den Alltag simuliert. Auch bekannt als Menschlicher Kalorienmesser. |
Messungen in der Metabolismuskammer
Iwata:
Ich habe schon oft Videos gesehen, wie man früher die Übungsintensität gemessen hatte. Jemand läuft auf einem Laufband und trägt dabei eine Maske, die aussieht wie die Maske eines Kampfpiloten. Er rennt dann, was das Zeug hält, atmet schwer und sieht nicht gerade behaglich aus.
Miyachi:
Diese Masken, die aussehen wir Kampfpilotmasken, hatten ihre Berechtigung. Der Atem, der darin hineingepustet wird, wird in einem großen Sack aufbewahrt, damit er analysiert werden kann. Indem man die Menge an Sauerstoff in diesem Sack misst, kann man ermitteln, wie viel Fett und Zucker verbraucht und somit wie viele Kalorien verbrannt werden.
Ein veraltertes Messgerät
Iwata:
Man misst die Menge an Sauerstoff, der eingeatmet und vom Körper verwendet wurde, nicht wahr?
Miyachi:
Das ist richtig. Mit der Maske kann man allerdings nur einfache Aktivitäten wie Gehen, Laufen und Radfahren messen.
Iwata:
Natürlich.
Miyachi:
Wenn sich die Versuchsperson hinlegt oder auf ihren Bauch legt und eine Position oder eine Yoga-Pose einnimmt...
Iwata:
Die Maske wäre dann im Weg.
Miyachi:
Ja. Was noch schwerer wiegt, man kann diese Übungen nicht in einer natürlichen und angenehmen Art und Weise durchführen, wie es bei "Wii Fit" der Fall ist. Da die Metabolismuskammer am National Gesundheits- und Ernährungsinstitut aber 9 mal 6 Meter groß ist, konnten wir Messungen mit Versuchspersonen durchführen, die die Software wie zu Hause gespielt haben.
Iwata:
In anderen Worten, Sie konnten realistischere Daten erfassen.
Miyachi:
Oh ja.
Iwata:
Können Sie uns mehr zu der Einrichtung dieses besonderen Raumes sagen?
Miyachi:
In den Raum wird neuer Sauerstoff konstant hineingeblasen, etwa 60 Liter pro Minute. Sobald die Versuchsperson den Raum betritt, wird die Luft, die sie ein- und ausatmet regelmäßig absorbiert. Wenn sie also hart trainiert, nimmt die Menge an Sauerstoff im Raum ab...
Iwata:
Die Sauerstoffkonzentration nimmt ab und die Kohlendioxydkonzentration nimmt zu.
Miyachi:
Richtig! Der Bedarf an Energie wird anhand dieser Änderungen gemessen.
Iwata:
So haben Sie also die Daten für alle Übungen aus "Wii Fit Plus" ermittelt.
Miyachi:
Nicht nur "Wii Fit Plus". Wir haben zwei Monate damit verbracht, Daten aller Aktivitäten des Vorgängers "Wii Fit" und auch Übungen aus "Wii Sports" zu erfassen.
Iwata:
Es hat also zwei Monate gedauert, um alle Aktivitäten zu messen. Was haben Sie dabei feststellen können?
Miyachi:
Es gibt da zwei oder drei Berichte, die in Großbritannien und den USA veröffentlicht wurden, bei denen die Menge an Energie gemessen wurde, die man beim Spielen von "Wii Sports" verbraucht. Die darin verwendeten Messmethoden unterscheiden sich jedoch von unseren Forschungen und die Schätzungen für Sauerstoffkonzentrationen waren niedrig. Sie lagen in etwa 20 bis 30 % niedriger als bei Messungen, die wir vorgenommen haben. Der Grund liegt darin, dass die Bewegungen während der Übungen eingeschränkt waren...
Iwata:
Da die Bewegungen eingeschränkt waren, war auch das Ausmaß der Übung reduziert.

Miyachi:
Ja, in der Tat.
Iwata:
Wenn man aber auf natürlichere und dynamischere Art und Weise spielt...
Miyachi:
In der Metabolismuskammer kann man natürlicher und dynamischer spielen. Die Messungen zeigen, dass es sogar in "Wii Fit" und "Wii Sports" eine Reihe von Übungen gibt, die Werte von 3 oder mehr METs liefern.
Iwata:
MET ist ein Begriff, den die meisten Leser vermutlich noch nicht gehört haben. Können Sie uns erklären, worauf sich dieser Begriff bezieht?
Miyachi:
Sehr gerne. MET ist eine Einheit zur Messung der Intensität einer Übung oder Bewegung. Wenn man sich nicht bewegt, wird dies als 1 MET gemessen. Wenn Sie beispielsweise auf einem Trainingsrad fahren, verbrauchen Sie dreimal so viel Energie, das wären dann 3 METs. Sowohl die American Heart Association (US-Amerikanische Non-Profit-Organisation, die sich mit der Prävention und Therapie von Herz- und Kreislauferkrankungen beschäftigt, Anm. d. Red.) als auch meine eigenen Übungsrichtlinien empfehlen Übungen von 3 METs oder mehr.
Iwata:
Sie sagen also, nachdem Sie die Übungen aus "Wii Fit" gemessen haben, dass sehr viele davon mehr als 3 METs aufweisen. In anderen Worten, "Wii Fit" kann wirklich positiv zu einer gesunden Lebensweise beitragen.
Miyachi:
Ja, dem ist so. Als ich herausgefunden habe, dass sogar in "Wii Fit" und "Wii Sports" viele Übungen vorkommen, bei denen man 3 METs oder mehr verbraucht, scheint es einen bedeutenden Eindruck auf die Leute in Europa und den USA gemacht zu haben. Deshalb wird zukünftig in den amerikanischen Richtlinien erwähnt, soweit ich das richtig in Erinnerung habe, dass es mit "Wii Fit" und "Wii Sports" ohne Probleme möglich ist, die empfohlene Menge an Übungen zu machen.
5. Warum es wichtig ist, dauerhaft zu trainieren
Iwata:
Ich habe gehört, dass Sie kürzlich ein Abhandlung zum Thema "Wii Fit" geschrieben haben.
Miyachi:
Das stimmt. Sie wird wohl demnächst in einem akademischen Journal veröffentlicht. Ich habe meine Forschungen ja erst vor einigen Monaten aufgenommen, aber ich will ehrlich sein, nie hätte ich es für möglich gehalten, dass die Reaktionen so positiv ausfallen. Ich kann dazu noch nichts Näheres verraten, aber ich hoffe, dass ich die Ergebnisse meiner Forschungen schon bald weltweit bekannt machen kann.
Iwata:
Oh, wirklich?
Miyachi:
Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass das Interesse auf der ganzen Welt so groß ausfallen würde. Das hat mich vollkommen überrascht.
Iwata:
Nun ja, es gibt mehr Nutzer von "Wii Fit" in Amerika und Europa als in Japan. Global gesehen, gibt es eine riesige Anzahl von Waagen und dazugehörende Übungssoftware, die in Haushalten auf der ganzen Welt verwendet werden. Wenn nun ein Experte wie Sie Beweise vorbringt, die zeigen, dass die Übungen wirklich vorteilhaft sind, dann wird seine Forschung weltweit hoch angesehen.
Miyachi:
Ja, da könnten Sie durchaus Recht haben. Es ist nur verständlich, wenn man sich die riesige Anzahl von Nutzern ansieht, dass die Wirkung entsprechend groß ist. Wenn wir das noch mit akademischen Studien als Nebeneffekt kombinieren, glaube ich, dass dies auch einen Einfluss auf die akademische Welt der Forschung hat.
Iwata:
Wir bei Nintendo haben das Konzept von "Wii Fit" als Nicht-Experten entworfen, ohne besondere Kenntnisse auf dem Gebiet der Sportwissenschaft. Wenn jetzt Elemente dieser Software von Spezialisten auf diesem Gebiet empfohlen werden, und die Spezialisten uns Vorschläge unterbreiten, um die Wirkung der Übungen zu erhöhen, dann habe ich das Gefühl, dass diese Sache, die wir damals angefangen haben, das nächste Niveau erreicht hat.
Miyachi:
Ich habe sogar sehr viel von "Wii Fit", in vielerlei Hinsicht, dazugelernt. Ich war überrascht als ich erfuhr, dass es diese Methoden gibt, Nutzer zum Training zu bewegen. "Wii Fit" ist in der Lage, Dinge zu meistern, die uns nicht möglich sind.

Iwata:
Könnten Sie uns dafür ein paar Beispiele geben?
Miyachi:
Ich habe es vorhin kurz angeschnitten, "Wii Fit" hat wirklich die Hindernisse reduziert, die Leute davon abhalten, sich sportlich zu betätigen. Wenn wir mit Personen sprechen, um sie zum Sport zu ermutigen, stehen wir immer vor einem Hindernis. Mit dieser Software ist dieses Hindernis deutlich kleiner. Das zeigt uns, dass es nicht immer der Fall ist, dass die Leute von anderen belehrt werden möchten.
Iwata:
Wenn ein Mensch mit einem anderen zu tun hat, und je weniger Selbstvertrauen dieser Mensch hat, desto mehr macht er sich Sorgen, was die andere Person von ihm halten könnte...
Miyachi:
Keiner mag es, von anderen beurteilt zu werden.
Iwata:
Und weil man nicht beurteilt werden möchte, versucht man, bestimmte Situationen zu vermeiden, auch wenn man weiß, dass es eigentlich besser wäre, wenn man sich damit auseinandersetzen würde.
Miyachi:
Ganz genau. Leute, die auf meinem Gebiet arbeiten, und Fitnesstrainer natürlich auch... unsere Anweisungen was körperliches Training angeht, bestehen darin, daneben zu stehen und ständig zu sagen: "Machen Sie dies! Machen Sie jenes! Wenn Sie das so machen, ist es besser!" Viele glauben, das wären gute Methoden, und es gibt auch viele, die der Meinung sind, man soll so viele Menschen wie möglich dazu bewegen, in ein Fitnesscenter zu kommen, weil sie dort bessere Anweisungen für ihr Training bekommen.
Iwata:
Die Trainer haben möglicherweise diese unangefochtene Vermutung im Kopf, bei der sie denken, je konzentrierter und fokussierter die Anweisungen, desto höher ihre Qualität.
Miyachi:
Das könnte durchaus sein. Dabei ist die Vermutung falsch. Selbst, wenn man jemanden einmal alle drei Monate trifft, wenn man es schafft, ein Trainingsprogramm für die jeweilige Person zusammenzustellen, bei dem sie den Wert des Trainings erkennt, ist das oftmals für die Person am wertvollsten und es ist für sie auch leichter, sich an dann an das Programm zu halten. Das gilt insbesondere bei beschäftigten Leuten. Nehmen wir einen Familienvater im mittleren Alter, der verfügt in der Regel über gute Kenntnisse von sich selbst und seiner Lebensweise. Bei solchen Leuten, anstatt als Trainer neben ihnen zu stehen...
Iwata:
Ist es besser, sie nicht zu stören und sie soweit wie möglich ihre Dinge auf eigene Faust machen zu lassen.
Miyachi:
Aus diesem Grund habe ich erkannt, dass wir die Denkweise unserer Beratung ändern müssen. Ich tendiere normalerweise dazu, viel zu reden und Leute zu Sachen zu zwingen...
Iwata:
(lacht)
Miyachi:
Für jemanden wie mich, der normalerweise das Muster eines knallharten Fitnesstrainers ist, war es eine ungeheuere Lernerfahrung, die ich bei meiner Arbeit mit "Wii Fit" gemacht habe.
Iwata:
Also haben Sie erkannt, dass es auch alternative Methoden gibt, wie man über bestimmte Dinge nachdenken kann.
Miyachi:
Es war wahrhaftig lehrreich für mich. Ich habe zudem erkannt, dass ich über viele Dinge noch mal nachdenken muss. Das sind die Dinge, die mir das Wii Balance Board beigebracht hat.
Iwata:
(lacht)
Miyachi:
Es gab da noch etwas, was mich überrascht hat.
Iwata:
Und was war das?
Miyachi:
Als ich zum ersten Mal gehört habe, das die Software 2000 Yen kosten soll, dachte ich, ich hätte mich verhört. (lacht) Meine Frau war auch ganz schön baff, sie sagte: "Kostet die Software wirklich 2000 Yen?"
Iwata:
Es gibt einen Grund, warum ich mich bei der japanische Version des Spiels für diesen Preis entschieden habe. Ich wollte, dass die Kunden, die bereits "Wii Fit" besitzen, auch bei dieser Version dran bleiben.
Miyachi:
Ach so.
Iwata:
Hätten wir beim Preis wie bei einer normalen Software angesetzt, glaube ich nicht, dass mehr als die Hälfte der erwähnten Nutzer sie gekauft hätten. Deshalb haben wir uns entschieden, wir wollen soweit wie möglich gehen, um diese Leute auch mit ins Boot zu holen.* *Die endgültigen Einzelhandelpreise in Europa werden von Einzelhändlern festgelegt.
Miyachi:
Das ist der richtige Ansatz. Selbst, wenn die Nutzer das Wii Balance Board weggestellt haben, wenn diese Software herauskommt, werden sie angespornt, es wieder herauszuholen und wieder zu trainieren.
Iwata:
Das immer wiederkehrende Thema bei uns war schon immer "Kontinuität".

Miyachi:
Ist dem so? Jetzt wundert es mich auch nicht.
Iwata:
Wir haben vorhin darüber gesprochen, wie man Hindernisse aus dem Weg räumt. Was wir tun, ist in der Regel nichts anderes. Videospiele sollten im Grunde genommen unterhaltsam sein, aber es gibt Zeiten, da spielen die Nutzer kontinuierlich, und dann gibt es wiederum Zeiten, in der sie eine Pause einlegen.
Miyachi:
Stimmt.
Iwata:
Es gibt diese großartige Zeiten, in denen alles passt, und man möchte weiter spielen, um herauszufinden, was als Nächstes passiert. Aber es ist nicht immer so. Es kommt unweigerlich die Zeit, in der man eine Pause einlegen möchte, und dann fasst man das Spiel nicht an.
Miyachi:
Ja, dann bleibt man davon fern.
Iwata:
Deshalb ist es extrem wichtig, dass man Spiele entwickelt, die den Spieler dauerhaft motivieren.
Miyachi:
Jetzt verstehe ich. Das ist wirklich genau so wie beim Training.
Iwata:
Ja, so ist es. Vielen Dank, dass Sie sich heute die Zeit genommen haben, mit mir zu sprechen.
Miyachi:
Oh, ich fürchte, ich hatte ziemlich viel zu sagen! (lacht) Aber, das Vergnügen war ganz meinerseits. Haben Sie vielen Dank!





